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Neues Deutschland 9.11.2020

Auch die Mittelschicht rutscht ab

Die Bundesregierung hat in der Coronakrise sozial benachteiligte Gruppen vernachlässigt. Diese dürften nun immer größer werden. Dass die Corona-Pandemie zu erheblichen Einbrüchen in vielen Bereichen der Wirtschaft führt, ist kaum zu übersehen. Abgesehen vom öffentlichen Dienst und einigen Sektoren des produzierenden und des Dienstleistungsgewerbes führt dies auch zu erheblichen Einkommenseinbußen sowohl bei abgängig Beschäftigen als auch bei Freiberuflern und Selbstständigen. Mit immer neuen, milliardenschweren Programmen versucht die Bundesregierung, die gröbsten Löcher notdürftig zu flicken, doch immer mehr Menschen, deren Einkünfte in Bezug auf ihre Lebenshaltungskosten ohnehin »auf Kante genäht« waren, rutschen allmählich in die relative oder gar absolute Armut ab. Viele Haushalte können ihre Miete oder die Raten für Kredite nicht mehr bezahlen.

Und das sei erst der Anfang, denn »die Schuldenwelle kommt erst noch«, warnt Elisabeth Mankertz, die seit 19 Jahren als Schuldnerberaterin beim Caritasverband arbeitet. Schon jetzt sei zu beobachten, dass »eine völlig neue Klientel«, die bislang ihre finanziellen Angelegenheiten immer im Griff hatte, die Beratungsstellen aufsucht. Das werde sich im kommenden Jahr beträchtlich ausweiten, »weil es sich um Menschen aus der sogenannten Mittelschicht handelt, die immer gearbeitet haben und über gewisse Rücklagen verfügen, die dann irgendwann aufgebraucht sind«, so Mankertz.

Auch der Armutsforscher Christoph Butterwegge warnt vor den sozialen Folgen der Coronakrise und der wachsenden Spaltung der Gesellschaft. Zum einen erhöhten hauptsächlich sozial bedingte Faktoren das Risiko für eine Infektion mit dem Coronavirus sowie für einen schweren Krankheitsverlauf, so Butterwegge in einem Gastbeitrag für die »Frankfurter Rundschau«. Dazu gehörten sowohl bestimmte Vorerkrankungen als auch »katastrophale Arbeitsbedingungen wie in der Fleischindustrie und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse wie in den Gemeinschaftsunterkünften von Geflüchteten, Werkvertragsarbeitern deutscher Großschlachtereien oder Saisonarbeitern in der Landwirtschaft«. Zudem hätten Kurzarbeit für zeitweilig sieben Millionen Beschäftigte sowie Geschäftsaufgaben und Entlassungen, beispielsweise in der Gastronomie, der Touristik und der Kulturbranche, zu drastischen Einkommensverlusten geführt. Auf der anderen Seite stünden Krisengewinner wie Lebensmittel- und Versandhandel, Digitalwirtschaft und Pharmaindustrie, die teilweise enorme Extraprofite realisiert haben.

Der Armutsforscher beklagt die »verteilungspolitische Schieflage«. So übernimmt die Bundesagentur für Arbeit durch Zahlung von Kurzarbeitergeld einen Großteil der Lohnkosten von BMW, obwohl der Konzern den Aktionären Dividenden von insgesamt 1,64 Milliarden Euro ausgezahlt hat. Alleine die Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt erhielten mehr als 750 Millionen Euro.